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Vorbildlicher Schmelztiegel

Frankfurt/Main – Spannende Vorträge, eine anregende Podiumsdiskussion und hochkarätige Gäste: Beim Regionalkongress „Arrival City“ der Stadt Hanau im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main beschäftigten sich rund 50 Teilnehmer mit dem Thema Ankunft und Integration. Mit dabei waren auf Einladung der ProjektStadt, einer Marke der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt, auch zwei ganz besondere Gäste: Staatssekretär Gunther Adler aus dem Bundesministerium des Inneren für Bau und Heimat, Städtebauförderung und Migration (BUMB), sowie Doug Saunders. Der britisch-kanadische Journalist und Autor hat für seine Publikationen zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Bekannt wurde er vor allem durch seine Bücher „Mythos Überfremdung: Eine Abrechnung“ und „Die neue Völkerwanderung: Arrival City“. Organisiert hat den Kongress der Fachbereich Integrierte Stadtentwicklung der ProjektStadt, Moderatorin war Faiza Azarzar, Projektleiterin von „Arrival City Hanau“.

„Arrival City“: Der Hintergrund

2016 hatte sich die Stadt Hanau in Kooperation mit der ProjektStadt für das Projekt „Stadtentwicklung und Migration“ der Nationalen Stadtentwicklungspolitik beworben und wurde mit „Arrival City Hanau. Ankommen in der Metropolregion gestalten“ in das Förderprogramm des BMUB aufgenommen. Dessen Ziel ist es, neue Modelle einer strategischen Berücksichtigung von Integration als Zukunftsaufgabe integrierter Stadtentwicklung zu testen und eine Grundlage für die Entwicklung eines „Ankunftsortes“ zu schaffen. Entscheidend ist dabei, Strukturen und Bedingungen zu erzeugen, die es Zugewanderten schnell ermöglichen, Teil der Stadtgesellschaft zu werden und sozial aufzusteigen. Die Stadt Hanau möchte dieses Ziel mit der Erstellung eines Integrierten Handlungskonzeptes unterstützen. Dieses wird gemeinsam mit der ProjektStadt entwickelt und soll als bundesweites Pilotkonzept Vorbild für andere Kommunen werden.

1000 Flüchtlinge auf einen Schlag: Krise oder Chance?

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky verknüpfte seine einführenden Worte mit der Erinnerung an den Spätsommer 2015, als die Stadt auf einen Schlag 1000 Flüchtlinge unterbringen musste. „Wir haben das gewuppt“, sagte Kaminsky, „weil wir die Situation nicht als Krise begriffen haben. Menschen sind keine Krise.“ Hanau sei schon immer Ankunftsstadt gewesen. Dank der Hilfe der vielen Freiwilligen und des bedingungslosen Einsatzes der Hauptamtlichen sei die Stadt aber zu dem geworden, was sie heute ist: „ein vorbildlicher Schmelztiegel“. Hanaus Flüchtlingskoordinator Andreas Jäger untermauerte dies mit einem Einblick in die praktische Arbeit. Fahrradwerkstatt, Sprachkurse, Bäderlotsen, die Initiative „Help the Helpers“ – die Liste der Integrationsprojekte ist lang. Wie aber ist es gelungen, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu bekommen? „Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation“, antwortete Jäger. Mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Atmosphäre forderte er allerdings ein Umdenken. „Wir brauchen eine positivere Stimmung im Umgang mit Flüchtlingen und Integration. Das würde die Arbeit vor Ort erleichtern.“ Monika Fontaine-Kretschmer, Geschäftsführerin der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt, lobte den Hanauer Weg, mahnte aber auch, dass man dieses funktionierende Miteinander nicht als selbstverständlich ansehen dürfe. „Wir müssen weiter gemeinsam an Lösungen arbeiten. Das ist enorm wichtig für den Zusammenhalt und dafür, dass die Integration auch in Zukunft gelingt.“

„Impulse setzen, die vor Ort Wirkung zeigen“

Staatssekretär Gunther Adler betonte, dass das Projekt „Stadtentwicklung und Migration“ die Kommunen animieren sollte, langfristig zu denken. „Wir wollten Impulse setzen, die vor Ort Wirkung zeigen – in den Quartieren, in der Nachbarschaft.“ Hauptziel sei die Förderung integrativen Handelns. Dazu könnten Begegnungsorte beitragen, aber auch Quartiersmanager oder das Förderprogramm „Soziale Stadt“. Soziale Stadtentwicklung und Integration seien eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nur mit der Unterstützung von Partnern aus Politik, Wirtschaft und Kommunen zu bewältigen sei. In Hanau habe man erkannt, dass das Thema Integration nicht ausreichend berücksichtigt war und entsprechend reagiert. „Heute ist Hanau Vorbildprojekt für solch eine übergreifende Partnerschaft. Hier sind Menschen zu Entwicklern und Gestaltern ihrer Stadt geworden.“

Integration auf Ebene der Wohnviertel

Wie aber werden Migranten Teil einer Stadt? Für Autor und Publizist Doug Saunders ist klar, dass die weltweiten Wanderungsbewegungen in Metropolregionen unumkehrbar sind. Jetzt gehe es darum, Bedingungen zu schaffen, die es den Neuankömmlingen ermöglichen, sich selbst zu integrieren. Wohnraum und Bildung gehörten genauso dazu wie der Zugang zum Arbeitsmarkt und zur politischen Teilhabe. Eine von Saunders‘ zentralen Überzeugungen: „Integration findet auf der Ebene der Wohnviertel statt.“ Im engeren Sinne seien sie die eigentlichen „Arrival Cities“. So beziehen sich seine Lösungsansätze auch schwerpunktmäßig auf das nachbarschaftliche Zusammenleben von Menschen mit ähnlichem Migrationshintergrund. Statt isolierter Vorstädte brauche es Verdichtung sowie gute Infrastruktur- und Mobilitätsangebote. „Es bringt nichts, Migranten in aufgegebene US-Kasernen zu stecken, weil diese nicht mit den bestehenden Stadtvierteln und der Wirtschaft vor Ort verbunden sind.“ Man müsse dafür sorgen, dass die Kinder in diesen Migrantenvierteln aufwachsen, in die Schulen gehen und die Chance haben, es auf die Universität zu schaffen. Zudem sollten Unternehmensgründungen für Migranten erleichtert werden. Außerdem sei es wichtig, dass sie anständige Wohnungen finden und Teil der Mittelschicht werden. Von den Thesen des kanadisch-britischen Journalisten hatten sich 2016 auch die Kuratoren des Deutschen Pavillons auf der Architektur-Biennale in Venedig inspirieren lassen. Unter dem Motto „Making Heimat“ untersuchte das Team um Generalkommissar Peter Cachola-Schmal – zugleich Leiter des DAM in Frankfurt und Gastgeber des Regionalkongresses – wie Städtebauer und Architekten die Integration von Einwanderern unterstützen können. Cachola-Schmal ließ „Making Heimat“ auf dem Kongress Revue passieren. Seine These: Es gibt keine Flüchtlings-, sondern eine Wohnungskrise. Und die lässt sich nur bekämpfen, „wenn wir aufhören, von neuen Quartieren zu reden. Wir brauchen neue Stadtteile für 30- bis 40.000 Menschen.“

Spannende Podiumsdiskussion zum Abschluss

Im abschließenden Podiumsgespräch ging es darum, wie Integration gelingen kann und wie erfolgreiche Ankunftsorte der Migration aussehen können. Doug Saunders, Martin Bieberle (Stadt Hanau, Leiter FB Stadtentwicklung), Markus Eichberger (ProjektStadt, Leiter UB Stadtentwicklung), Nadia Qani (Unternehmerin und Autorin aus Frankfurt) und Wiebke Schindel (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration) stellten sich den Fragen von Moderatorin Marion Schmitz-Stadtfeld (ProjektStadt, Leiterin FB Integrierte Stadtentwicklung). Dabei kristallisierte sich die Überzeugung heraus, dass Integration nicht nur in Hanau, sondern in ganz Hessen so gut funktioniert, weil keine Sonderprogramme für Geflüchtete aufgelegt werden, sondern Maßnahmen ergriffen werden, von denen alle Bevölkerungsgruppen profitieren. Kritik gab es allerdings auch: etwa an dem schwer durchschaubaren Gestrüpp aus Regeln und Richtlinien, die die praktische Arbeit stark reglementieren. Auch eine klar erkennbare Zuwanderungsstrategie auf Bundesebene vermissten einige Podiumsgäste. Mit Blick auf die dicht besiedelten Metropolregionen richteten sie den Fokus auch auf den ländlichen Raum. „Die Integrationskraft kleiner und mittlerer Städte ist sehr groß“, so das Fazit. Um sie nutzen zu können, müsste man allerdings drei Voraussetzungen schaffen: eine Wohn- und Erwerbsmöglichkeit sowie die Anbindung an den ÖPNV.

Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt

Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt mit Sitz in Frankfurt am Main und Kassel bietet seit 95 Jahren umfassende Dienstleistungen in den Bereichen Wohnen, Bauen und Entwickeln. Sie beschäftigt rund 730 Mitarbeiter. Mit rund 60.000 Mietwohnungen in 140 Städten und Gemeinden gehört sie zu den führenden deutschen Wohnungsunternehmen. Das Regionalcenter Frankfurt bewirtschaftet rund 19.800 Wohnungen, darunter 16.000 direkt in Frankfurt. Unter der Marke „ProjektStadt“ werden Kompetenzfelder gebündelt, um nachhaltige Stadtentwicklungsaufgaben durchzuführen. Bis 2021 sind Investitionen von rund 1,5 Milliarden Euro in Neubau von Wohnungen und den Bestand geplant. 4.900 zusätzliche Wohnungen sollen so in den nächsten fünf Jahren entstehen.